Ohne Luft kein Feuer

Brandsichere Läger durch sauerstoffreduzierte Atmosphäre

von Dr. Jürgen Hecht
Akzente 1/2003 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

Stellen Sie sich vor, in Ihrem Lager kann es nicht mehr brennen. Wirklichkeit werden kann dieser Wunschgedanke durch einen neuen Ansatz im Brandschutz: Der Sauerstoffgehalt der Raumluft wird durch die kontrollierte Zugabe von Stickstoff aus der Umgebungsluft so weit abgesenkt, dass ein Brand nicht mehr entstehen kann. Bleibt da nicht nur dem Feuer, sondern auch den Mitarbeitern die Luft weg?


Dauerhafte Brandvermeidung statt Brandbekämpfung im Ernstfall: Dieser neue Ansatz im Brandschutz kann überall dort interessant sein, wo Waren mit hohem Wert oder hoher wirtschaftlicher Bedeutung geschützt werden müssen. Die üblicherweise durch Brände verursachten Störungen in den Betriebsabläufen können vermieden werden. Die lückenlose Warenverfügbarkeit und Liefertreue bleiben gewährleistet. Unwiederbringliche Werte werden zuverlässig geschützt - wenn es nicht mehr brennen kann. Dazu muss der Sauerstoffgehalt im Raum unterhalb des Verhältnisses liegen, das für eine Verbrennung notwendig ist.
Um genau das zu erreichen, werden Anlagen eingesetzt, die aus einer Luftzersetzungsanlage und einer Überwachungs- und Steuereinheit bestehen. In der Zersetzungsanlage wird Luft angesaugt und komprimiert. Aufgrund unterschiedlicher Molekülgrößen der einzelnen atmosphärischen Gase ist es möglich, mittels einer Hohlfasermembran die Luft in ihre Bestandteile zu trennen. Während Sauerstoff und Argon als Restgase ins Freie abgeleitet werden, wird der Stickstoff dem Lagerbereich kontrolliert zugeführt. Die Steuereinheit überwacht diesen Vorgang und reguliert automatisch den Sauerstoffgehalt im Lager. Sie misst ständig den aktuellen Sauerstoffgehalt der Luft über O2-Sensoren und steuert die Zugabe von Stickstoff bis zum Erreichen der gewünschten O2-Konzentration.

Ausreichend Luft zum Atmen
Um die Wirkung der sauerstoffreduzierten Atmosphäre auf den Menschen abschätzen zu können, sind Vergleiche mit der Höhen- und der Flugmedizin sinnvoll. Umgerechnet entspricht ein Sauerstoffgehalt von 17% einer Höhe von 1.700m, ein Sauerstoffgehalt von 15% einer Höhe von 2.700m und ein Sauerstoffgehalt von 13% einer Höhe von 3800m. Es ist bekannt, dass in diesen Höhen Menschen ständig leben und arbeiten. Der Kabinendruck auf Langstreckenflügen entspricht in etwa einer Höhe von 2.500 m.

Nach den bisherigen Erkenntnissen kann erwartet werden, dass eine Absenkung des Sauerstoffgehalts auf 17% für gesunde Menschen keine erhöhte Gefährdung darstellt. Nicht auszuschließen aber sind Beeinträchtigungen bei Menschen mit Atemwegs-, Herz- oder Kreislauferkrankungen. Die Frage, ob bei weiterer Absenkung des Sauerstoffgehaltes Menschen mit anderen Erkrankungen gefährdet sind, ist allerdings noch zu beantworten. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG) plant, die Verbreitung des neuen Brandschutzkonzeptes wissenschaftlich zu begleiten. Aus den dabei gewonnenen Erkenntnissen sollen Maßnahmen abgeleitet werden, deren Einhaltung im betrieblichen Alltag ein sicheres und gesundheitsgerechtes Arbeiten in der sauerstoffreduzierten Atmosphäre ermöglicht.

Sauerstoffanzeige